class="csc-frame csc-frame-default"Kann man implizites Wissen explizit machen, oder umgekehrt?

Zentrum Geschichte des Wissens

Universität Zürich

Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

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PASCAL GERMANN

»Laboratorien der Natur«. Rassenhygiene, Rassenforschung und Humangenetik in der Schweiz, 1920-1970

Die Wissenschaftsgeschichte der Humangenetik hat sich meistens auf die Zeit nach 1945 beschränkt. Erst in jüngster Zeit ist eine Hinwendung der historischen Forschung zur Genetik des Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts festzustellen. Mit diesem Fokuswechsel ist die These verbunden, dass die zwischen 1910 und 1950 sehr produktive menschliche Erbforschung, die oft in enger Beziehung zur Eugenik stand, nicht klar von jenem Forschungsfeld zu trennen ist, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Namen »Humangenetik« zu einer eigenständigen Disziplin entwickelte. In diesen Forschungskontext ordnet sich mein Dissertationsprojekt ein. Es untersucht die Produktion und Zirkulation von Vererbungswissen in der frühen Phase der Humangenetik und fragt nach den vielfältigen Faktoren, die das Verhältnis von humangenetischer Forschung und Eugenik beeinflussten.

Die Schweiz ist für eine Fallstudie besonders aufschlussreich. Erstens ermöglicht es die Kontinuität auf politischer Ebene, Eigendynamiken transnationaler Wissenskulturen besser in den Blick zu kriegen. Dabei ist die Schweiz weniger als die »ewige Ausnahme« (James Sheehan) zu sehen; vielmehr kann die in der Schweiz erfolgte Herausbildung einer eugenisch motivierten, national konturierten, aber international vernetzten Vererbungsforschung, die sich unter den Bedingungen einer liberalen Demokratie entwickelte, in vielerlei Hinsicht als Normalfall bezeichnet werden. Zweitens galt die Schweiz lange Zeit als besonders geeignet für bevölkerungsgenetische Untersuchungen, wobei Vererbungsforscher auf die Vielzahl genetischer Isolate, auf die gute genealogische Quellenlage oder das Milizarmeesystem verwiesen, das einmalige Möglichkeiten für repräsentative Massenuntersuchungen biete. Die Schweizer Alpen wurden als humangenetisches »Laboratorium« bezeichnet, das Aufschlüsse über die Vererbung verschiedener Krankheiten sowie über Fragen der Humandiversität zu liefern versprach.

Mit der Gründung der Julius Klaus-Stiftung für Vererbungsforschung, Sozialanthropologie und Rassenhygiene im Jahr 1921 entstand ein Instrument genetischer und rassenhygienischer Forschungsförderung, das die Finanzierung von kosten- und zeitintensiver Untersuchungen garantierte. Im Zentrum meiner Dissertation stehen drei grosse Forschungsunterfangen, die zwischen 1920 und 1960 initiiert wurden. Ein erstes Projekt stellt die anthropometrische Untersuchung von über 35´000 Stellungspflichtigen in den Jahren 1927-1932 unter der Leitung des Anthropologen Otto Schlaginhaufen dar. Beim zweiten Forschungsunterfangen handelt es sich um die »erbbiologische Bestandesaufnahme« der Schweizer Alpentäler, die vom Zürcher Mediziner Ernst Hanhart in den 1920er Jahren initiiert wurde und sich bis in die 1960er Jahre fortsetzte. Das dritte Projekt bezweckte die Bestimmung der geographischen Verteilung der Blutgruppengene in der Schweiz. Es dauerte von 1944 bis 1956 und basierte auf Blutgruppendaten von über 270'000 Armeeangehörigen. Die Projekte repräsentieren drei Forschungsstile: Die Anthropometrie, die Genealogie und die Serologie. Sie basieren auf verschiedenen materiellen, diskursiven und sozialen Voraussetzungen und erzeugen unterschiedliche Konzepte der Verwandtschaft und Differenz. Es werden mithin drei Wissenskulturen beleuchtet, die sich innerhalb desselben »schweizerischen« Kontextes unterschiedlicher Methoden, Techniken und Repräsentationsformen bedienten, um Bevölkerungen biologisch zu erforschen.

In meinem Forschungsprojekt untersuche ich, unter welchen sozialen, politischen und epistemischen Bedingungen ein Vererbungswissen über die Bevölkerung produziert und stabilisiert wurde, und gehe der Frage nach, inwiefern diese Bedingungen Inhalt und Form des Wissens mitprägten. Ein besonderer Fokus gilt dabei dem Verhältnis von humangenetischer Forschung und Rassenhygiene. Während auf programmatischer Ebene die rassenhygienischen Zielsetzungen eine erstaunliche Kontinuität erfuhren, wandelten sich die wissenskulturellen Voraussetzungen sowie die potentiellen Anwendungsbereiche der Forschung. Welche Wissenspraktiken, Repräsentationsformen und Anwendungskontexte ermöglichten die enge Verbindung von Genetik und Rassenhygiene? Welche Entwicklungen führten umgekehrt zu einer Lockerung oder Auflösung dieser Verbindung? Wie veränderten sich die biopolitischen Wissenshorizonte im mittleren Drittel des 20. Jahrhunderts? Als Quellen verwende ich sowohl wissenschaftliche Publikationen als auch Forschungsaufzeichnungen, Protokolle und Korrespondenzen, die Aufschlüsse über die humangenetische Forschungspraxis und die Transformationsprozesse des Vererbungs- und Bevölkerungswissens geben.