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Zentrum Geschichte des Wissens

Universität Zürich

Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

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JONAS STÄHELIN

Vom Übernatürlichen zum Übersinnlichen: Okkultismus und die Verwissenschaftlichung des Unsichtbaren im 19. Jahrhundert


Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Verwissenschaftlichung des Okkultismus im 19. Jahrhundert. Diesen Prozess möchte ich nicht gesondert betrachten, sondern in eine Wissensgeschichte des Unsichtbaren einbetten. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts erhält die wissenschaftliche Erschliessung des Unsichtbaren starken Aufschwung. Besonders in den Bereichen der Chemie und Physik wird mithilfe technischer Apparaturen eine unsichtbare Welt der Atome und Elektronen zugänglich – ein wunderbares Reich ätherischer Schwingungen, elektrischer Spannungen und magnetischer Kräfte. Forschungsfelder wie die Energiephysik oder die nicht-euklidische Geometrie bilden im 19. Jahrhundert wissenschaftliche Diskursformationen, die ich als Multiplikatoren des Unsichtbaren verstehen möchte. Die Welt, die die Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert erschliesst, ist okkult.

Auch der Okkultismus begnügte sich nicht bloss damit, ein Reich unsichtbarer Kräfte qua Glauben anzunehmen, sondern er strebte den Status eines auf empirischen Fakten gestützten Wissens an. Es ist die leitende These meiner Dissertation, dass sich dieser eminente Wissensanspruch des Okkultismus entlang dieser Vervielfältigung des Unsichtbaren, die in den Wissenschaften des 19. Jahrhunderts besonders an Fahrt gewinnt, sehr gut entfalten konnte. Oliver Lodge entwickelte aus seinen Untersuchungen des Äthers eine regelrechte Äthertheologie, die ein ätherisches Kontinuum zwischen Bewusstsein und Jenseits postulierte. Weitere prominente Beispiele finden sich in den experimentellen Untersuchungen zu einer «mysterious new force» des Chemikers William Crookes, im Interesse an der Telepathie des Physikers William F. Barett, in der «Odlehre» des Chemikers Carl Reichenbach oder den spiritistischen Experimenten mit der vierten Dimension des Astrophysikers Karl Friedrich Zöllner.

Mit meiner Untersuchung möchte ich den Blick dafür schärfen, dass die Wissenschaften im 19. Jahrhundert keineswegs monolithische Ideenkonstrukte waren, die sich auf linear ausgerichteten historischen Trajektorien befanden. Gerade die Grenzen zwischen dem wissenschaftlichen Unsichtbaren und dem okkulten Unsichtbaren waren weitaus poröser und instabiler, als bisher angenommen. Letztlich soll dadurch der Prozess der Verwissenschaftlichung als offener und umkämpfter Möglichkeitsraum erscheinen, der stets ungeahnte Richtungen einschlagen konnte.