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Zentrum Geschichte des Wissens

Universität Zürich

Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

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LEA HALLER (2008-2012)

Cortison. Stress, Homöostase und die Produktion eines pharmazeutischen Stoffes, 1920-1960

 

Seit den 1920er Jahren versuchte man in verschiedenen Forschungslaboratorien, unterstützt von der Pharmaindustrie, aus Schlachtabfällen das Hormon der Nebennierenrinde zu isolieren - ein teures und schier unmögliches Unterfangen: "To start with material that resembles hamburger and to separate a few milligrams of crystalline material is similar to bringing a pearl of great beauty from the murky depths of the sea." (E. Kendall, Cortisone. New York 1971: 63). Später kam man zur Einsicht, dass es sich bei der "Cortin" genannten Substanz nicht um eines, sondern um eine Vielzahl von Hormonen handelte, die auf unbekannte Art zusammenwirkten. 1936 gelang es dem Schweizer Chemiker Thadeus Reichstein erstmals, eines davon zu isolieren: die "Substanz Fa".

Ebenfalls 1936 publizierte der Physiologe Hans Selye in der Zeitschrift Nature seinen ersten wissenschaftlichen Artikel zum General Adaptation Syndrom. An Ratten hatte er beobachtet, dass sie auf ganz unterschiedliche Stresssituationen physisch in immer gleicher Weise reagierten. Später posutlierte er, dass für diese Reaktion ein hormoneller Regelkreis verantwortlich sei. Das in der Hypophyse gebildete Hormon ACTH (Adrenocorticotropes Hormon, auch "Stresshormon") steuere die Hormonausschüttung in der Nebenniere und der Nebennierenrinde, also Adrenalin udn Cortison. Bereits 1944 betonte Selye auch, dass das Hormon der Nebennierenrinde eine wichtige Rolle bei rheumatologischen Krankheiten spielen könnte, ein Hinweis, der damals nicht aufgenommen worden war. Die Entdeckung der Rheumawirkung von Cortison, die die medizinische Therapie revolutionieren sollte und der Wunderdroge in den 1950er Jahren zu einer grossen Publizität verhalf, war das Resultat eines völlig unsystematisch durchgeführten klinischen Versuchs. Empirie und Theorie liefen parallel.

Mit der Endokrinologie, der Lehre der inneren Sekretion, ging seit den 1930er Jahren eine Neukonzeption des menschlichen Körpers einher. Kybernetische Vorstellungen vom Organismus als Homöostase und von Hormonen als Regler von Lebensprozessen lösten mechanistische Körperbilder ab. Als synthetische Hormone schliesslich in ausreichender Menge für die medizinische Therapie zur Verfügung standen, definierten sie die Aufgabe der Medizin neu: von der Reparaturwerkstätte wurde sie zur Regulierungsinstanz. Vermittelt über Cortison wuchs in den 1950er Jahren das Interesse an chronischen Krankheiten; Rheumatologie, Dermatologie und Opthalmologie wurden aus einem Dornröschenschlaf erweckt und konnten sich als Königsdisziplinen profilieren. Die Ciba wiederum sicherte sich die Rechte an sämtlichen Patenten Reichsteins, die mit Corticosteroiden in Zusammenhang standen und investierte in den 1950er Jahren in die biochemische Herstellung immer weiterer Derivate.

Die Geschichte des Cortisons öffnet den Blick auf zahlreiche sozial-, wirtschafts- und wissenschaftshistorische Fragen. Wo wurde welches Wissen über die Funktion der Hormone "produziert" und wie wurde es vom Labor in die Industrie und von dort in die Klinik transferiert? Was hatten die physiologisch-theoretischen Überlegungen zur inneren Sekretion und zum Organismus als Homöostase mit den chemischen Prozessen, der grosstechnischen Produktion und dem Erschliessen von Absatzmärkten zu tun? Wie veränderten sich mit Cortison der medizinische Blick, die diagnostische Praxis und die Therapie? Solche Fragen zu beantworten, ist das Ziel dieses Forschungsprojektes.