class="csc-frame csc-frame-default"Kann Wissen wirklich »produziert« werden?

Zentrum Geschichte des Wissens

Universität Zürich

Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

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SVENJA MATUSALL (2009-2012)

Die Geschichte der Neurobiologisierung von 'Fühlen, Denken, Handeln' und ihrer Auswirkung auf die Konstitution des Selbst


Dieses Promotionsprojekt untersucht Diskussionen in der Hirnforschung um die Verortung von Denken, Fühlen und Handeln im Gehirn. Dafür werden drei Narrative der Hirnforschung des 20. Jahrhunderts untersucht: das holistische Gehirn der Jahre um den Ersten Weltkrieg, das kybernetische Gehirn der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg und das optimierbare Gehirn der Jahrtausendwende. Um das Wechselspiel von gesellschaftlichen und biologischen Denkstilen nachvollziehen zu können, werden diese Narrative mentalitäts- und kulturgeschichtlich verortet. So ist es möglich, Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte des Menschenbildes der Hirnforschung und dessen jeweilige gesellschaftliche Revelanz herauszuarbeiten.
Der Schwerpunkt liegt dabei auf der zeitgenössischen Hirnforschung, denn gerade in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat die Hirnforschung Erfolge zu verzeichnen, die auch in der breiten Öffentlichkeit grosse Resonanz finden. Gleichzeitig steigt die Akzeptanz so genannter 'smart drugs' zur Verbesserung von Stimmung, Aufmerksamkeit und sozialer Fähigkeiten. Zentral ist die Frage, was die Hirnforschung den Menschen darüber zu sagen hat, wer und was sie sind und welche Konsequenzen daraus für jede und jeden einzelnen erwachsen.
Das holistische Gehirn kann als eine Reaktion auf die mentale Krise des Ersten Weltkrieges und die Fragmentierung der Zwischenkriegsgesellschaft verstanden werden. Es steht in einem Spannungsfeld von Skepsis gegenüber der Moderne und der Vision, die Menschheit zu verbessern und muss daher in Zusammenhang sowohl mit den Konflikten der deutschsprachigen Zwischenkriegsgesellschaften und den kulturellen Reaktionen darauf als auch mit Eugenik und Populationswissenschaften diskutiert werden.
Das Narrativ der kybernetischen Hirnforschung entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Nun rücken die Funktionen und Hirnprozesse ins Blickfeld, das Gehirn wird einem Computer gleichgesetzt. Die kybernetische Hirnforschung ist Teil einer Informatisierung der Sozial- und Biowissenschaften dieser Dekaden und in engem Zusammenhang mit Behaviorismus und Systemtheorie als Erklärungsmodelle sozialer Realität zu diskutieren.