class="csc-frame csc-frame-default"Ist neues Wissen Erfindung, Entdeckung, Idee oder Produkt?

Zentrum Geschichte des Wissens

Universität Zürich

Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

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KONI WEBER

Repräsentationslogiken im Widerstreit - Soziologisches Wissen zwischen Wissenschaft und Politik im Kontext der Landesausstellung von 1964

 

Die Entstehungsgeschichte der Soziologie ist eng mit der Entwicklung des Nationalstaates verbunden. So hat sich die "Wissenschaft der Gesellschaft" als Fachdisziplin an staatlichen Universitäten etabliert. Indem sie neue Lösungsansätze zur Koordinierung der "Sozialen Frage" und die Produktion von Regierungswissen in Aussicht stellte, erlangte die Soziologie Ende des 19. Jahrhunderts die Gunst staatlicher Förderung. Das Verhältnis von Staat und Soziologie war jedoch nicht immer harmonisch. Mit zunehmender Professionalisierung des Fachs kam es zu Konflikten, die sich im Spannungsfeld von "Repräsentativität" und "Repräsentation" beschreiben lassen: Der Geltungsanspruch soziologischer Gesellschaftsdeutung, der am statistischen Kriterium der Repräsentativität orientiert ist, geriet zuweilen in Konkurrenz mit dem politischen Mandat auf die alleinige legitime Repräsentation der Gesellschaft. Dieser Konflikt hat sich im Kontext von staatlich veranlassten Feierlichkeiten der Schweiz wiederholt entzündet. Ein exemplarisches Beispiel dieses Widerspruchs bildet die Kontroverse, welche die Studie "un jour en Suisse" im Zuge der schweizerischen Landesausstellung von 1964 ausgelöst hat: Damals hatte ein Forschungsteam aus dem Umfeld des französischen Soziologen Pierre Bourdieu den Auftrag erhalten, eine soziologische Studie zur Schweiz durchzuführen. Das Team geriet jedoch in Konflikt mit dem Bundesrat, der an der Inszenierung nationaler Einheit interessiert war und mit dem problematisierenden Blick und mit der soziologischen Darstellung der Schweiz als Klassengesellschaft nicht einverstanden war. Die Publikation der Studie wurde in der Folge verhindert. Erst vor wenigen Jahren sind die bisher vernichtet geglaubten Formulare der Studie wieder aufgetaucht und stehen der historischen Forschung nun erstmals zur Verfügung.

Ausgehend von dieser Quellenbasis will die Dissertation einen Beitrag zur Untersuchung schweizerischer Identitätspolitik der Nachkriegszeit leisten. In der Perspektive einer Geschichte des Wissens sollen an diesem manifesten Konflikt die gegensätzlichen Interessen und Praxen von Soziologie, Politik und Öffentlichkeit bei der Repräsentation von nationaler Identität untersucht werden. Damit leistet die Arbeit gleichzeitig einen Beitrag zu der noch weitgehend unerforschten Geschichte der Soziologie in der Schweiz.